Spannende Zeiten

RELUX-CEO Markus Hegi über Herausforderungen und Wandel in der Ära der Digitalisierung

RELUX-CEO Markus Hegi kennt die Automations- und Beleuchtungsbranche aus unterschiedlichsten Perspektiven. Im Gespräch berichtet er über Heraus-forderungen in seiner Arbeit und den wachsenden Wunsch nach Standardisierung.
Kaum eine Branche kommt heutzutage ohne eine Fachsoftware aus, deren Hersteller deshalb oft zu den Schlüsselstellen ganzer Wirtschafts­zweige gehören. Ein Beispiel für die Sensorik- und Beleuchtungsindustrie ist die Planungssoftware Relux. CEO Markus Hegi im Gespräch über Veränderungen, Herausforderungen und Perspektiven seiner Arbeit.

Er war Bauleiter für Elektro- und Sicherheitsanlagen, Geschäftsführer eines Elektroinstallationsunternehmens und langjähriger Abteilungs- und Projektleiter in der internationalen Beleuchtungsindustrie – Markus Hegi, Ingenieur mit Abschluss cum laude, kann mit Fug und Recht behaupten, seine Branche aus jedem Blickwinkel zu kennen.

Seit nunmehr über 20 Jahren lenkt er mit seinem Team die Geschicke der Licht- und Sensorikplanungssoftware Relux und engagiert sich auch neben­beruflich für seine Lieblingsthemen: Als Dozent an Hoch- und Berufsschule begeistert er junge Menschen für Licht-, Elektro- und Messtechnik.

Herr Hegi, wann haben Sie Ihre letzte Lichtplanung gemacht?

Das ist noch gar nicht lange her. Vor etwa 3 Wochen.

Sie tun es also tatsächlich noch selbst?

Ich mache es immer wieder einmal zwischendurch. Nicht zuletzt, um die Funktionen der Software auszuprobieren. Auch wenn ich das natürlich nicht mehr täglich mache, möchte ich mit dabei sein und spüren: Ist das einfach? Ist das Handling ok? Finde ich das aus User-Sicht angenehm?

Und wann haben Sie Ihre allererste Lichtplanung gemacht?

Das muss so 1988/89 gewesen sein. Also noch vor Relux. Vieles musste manuell gemacht werden. C-Sharp-Rechner, eintippen, Länge, Breite, dann die LVK aussuchen und so weiter. Es war alles aufwendiger. Entweder mit einem DOS-Programm oder von Hand. Und das konnten auch nicht viele Personen.

»Time-to-market ist das A und O für Software.«

Inzwischen hat sich das gründlich geändert. Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Was sind heute die größten Herausforderungen bei der Weiterentwicklung der Software?

Eine der größten Herausforderungen sind die disruptiven Dinge, die global im Markt passieren. Zum Beispiel das Internet of Things. Wenn sich die Branche selber nicht sicher ist, wohin die Reise geht und mit welcher Geschwindigkeit. Sie brauchen ja immer mehrere Jahre Vorsprung. Time-to-market ist das A und O für Software. Wenn wir wie die alte Fasnacht zwei, drei Jahre hinterherhinken, aber der Markt es jetzt benötigt, weil neue Technologien dies ermöglichen würden, dann ist das Ziel nicht erfüllt. Sie sollten einen guten Riecher haben, wohin der Markt sich entwickelt und wo neue Bedürfnisse entstehen. Immer zwei, drei Schritte voraus sein in der Planung und auch in der Umsetzung.

Auch der Zeitpunkt einer schön beleuchteten Außen­aufnahme will gut geplant sein: RELUX-Hauptgebäude bei Basel.

Ständige Veränderungen gibt es auch bei den Normen, die ein zentraler Begleiter ihrer Arbeit sind. Wie schaffen Sie es, sich da auf dem Laufenden zu halten?

Zu Beginn der Firma war es tatsächlich schwierig, davon überhaupt Kenntnis zu bekommen, denn bis zum Zeitpunkt eines Entwurfs haben Sie nichts erfahren. Das ist heute aber nicht mehr so. In Europa kennt man sich und spricht miteinander darüber. Doch wenn jemand ohne Vorankündigung kommt und meint, dieser oder jener Standard wird innerhalb weniger Monate in den Markt eingeführt, kann das heißen, dass wir anderthalb oder zwei Jahre zu spät kommen.

Das Schlimmste bei einer Norm ist aber, wenn sich diese unterschiedlich interpretieren lässt. Es ist in Ordnung, wenn eine Norm nur einen Teil einer physikalischen Wahrheit abdeckt, weil man's vielleicht einfach nicht besser machen kann oder die Kosten-Nutzenverhältnisse weit auseinanderliegen, aber dann einfach klar aufschreibt: Ja, hier sind die Limits.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen Sie die Straßenbeleuchtung. Die Straßenbeleuchtung wird für gewisse Straßenklassen in Leuchtdichten gerechnet. Das kann simuliert werden und lässt sich vor Ort auch messen. Je nachdem aus welchem Steinbruch die Steine für den Asphalt kommen, wird der Asphalt aber leicht anders sein als die mittleren Reflexionstabellen, die in der Norm verwendet werden. Das geht gar nicht anders. Also wenn Sie die Sicherheit haben möchten, dass Sie genau die Werte einhalten, wie in der Norm beschrieben, dann dürfte es absurderweise nur noch einen Steinlieferanten für Asphalt in Europa geben. An diesem Beispiel, von denen es viele gibt, sehen Sie: Normen haben ihre Grenzen.

Vielleicht noch ein zweites Beispiel, um zu verdeutlichen, wie problematisch unterschiedliche Interpretationen bei einer Norm sein können. Dabei ging es um die Blendungsbewertung nach UGR in Innenräumen. Die Norm hierfür ließ zwei unterschiedliche Möglichkeiten zur Berechnung der Hintergrundleuchtdichte zu. Das Ergebnis war, dass Simulationen unterschiedliche Resultate ergaben und die Industrie berechtigterweise die Frage stellte: Was gilt jetzt? Wem sollen wir jetzt glauben? Wir haben uns mit den Mitbewerbern im Markt dann auf dem kurzen Dienstweg auf eine einheitliche Berechnungsmethode geeinigt. Aber wenn das nicht ginge, wäre eine solche Norm kontraproduktiv.

»Wenn wir uns wirklich auf ein paar Dinge konzentrieren können, dann wird die Qualität dafür auch besser.«

Was Vielfalt und Variantenreichtum betrifft, macht Ihnen als Software­hersteller sicherlich auch die große Anzahl an Dateiformaten zu schaffen.

Deshalb haben wir den Spieß jetzt umgedreht. Wir definieren gemeinsam mit anderen Softwareherstellern ein neues, einheitliches Dateiformat für die Industrie. Damit sollte diese eine Verschnaufpause erhalten, was das Liefern von Daten in verschiedensten Formaten anbelangt. Es ist enorm, welchem Aufwand die Industrie heute ausgesetzt ist, wenn es um die Aufbereitung von kaufmännischen und produktbezogenen Daten geht. Das kann eine Firma recht schnell an den Rand der Möglichkeiten bringen, wenn sie nicht sehr gut organisiert ist.

Worum geht es bei dem neuen Format?

Es wird ein transparentes, öffentliches Datenformat für die Sensor- und Leuchtenindustrie sein, das die Bedürfnisse von der Europäischen Produktdatenbank bis zum BIM abdecken soll. Es wird weit umfassendere Informationen enthalten als die häufig verwendeten IES- und LDT-Formate. Ich erwarte mir davon auch einen Qualitätsgewinn. Wenn ich mich als Hersteller auf wenige Standards konzentrieren kann, die sich den Marktbedürfnissen entsprechend laufend weiterentwickeln, dann gibt das Ruhe. Das kennt jeder von uns. Wenn wir uns wirklich auf ein paar Dinge konzentrieren können, dann wird die Qualität dafür auch besser.

 

Schnelle Autos ins richtige Licht gesetzt: Relux-Planungsprojekt auf der Formel1-Rennstrecke in Abu Dhabi.

Nach Standardisierung streben auch die führenden Hersteller von Präsenz- und Bewegungsmeldern in der Vereinigung SensNorm. Relux selbst gehört zu den Gründungsmitgliedern. Worin besteht Ihr Beitrag?

In der Simulation der Sensor-Messdaten in Programmen. Dabei ist es natürlich wichtig, im Vergleich mit den angegebenen technischen Daten übereinstimmende Resultate sicherzustellen. Deshalb haben wir uns bemüht, die Hersteller an einen Tisch zu kriegen, um mithilfe von SensNorm eine einheitliche Mess- und Testmethodik für die Branche zu definieren.

Relux war der Initiator?

Ja, wir waren der Hauptinitiator. Mensch, haben wir gesagt, wir müssen uns zusammensetzen, auch wenn Ihr Mitbewerber seid. Wir müssen uns darauf einigen, wie wir messen. Eine solch große Arbeit kann man nicht alleine bewältigen. Es war wirklich eine Riesenfreude, dass die Firmen über ihren Schatten springen konnten und in wenigen Jahren so etwas auf die Beine gestellt haben. Das ist wirklich eine ganz tolle Leistung.

»Richtige BIM-Planung heißt für mich mehr, als nur ein dummes 3D-Objekt ohne technische Daten in das Gebäude zu ziehen.«

Der Hauptsitz von SensNorm liegt in Bern und dort entsteht zurzeit auch das erste Testlabor, das nach den neuen Standards für Präsenz- und Bewegungsmelder arbeiten wird. Auch Relux sitzt in der Schweiz. Sind die Alpen ein besonders guter Nährboden für Gebäudetechnik?

Also, ich habe lange Zeit bei einer Leuchtenfirma gearbeitet. Als die ersten elektronischen Betriebsgeräte auf den Markt kamen, wurde die Schweiz von den großen Marken als Testmarkt benutzt. Und auch heute geschieht das immer wieder. Das Land ist klein genug und die Leute in der Schweiz sind ziemlich technikaffin.

Dass das neue Labor in der Schweiz liegt, ist aber Zufall. Es hing nur davon ab, welche Institution bereit ist, den Ball aufzunehmen und ein neutrales Messlabor aufzubauen. Und das war Peter Blattner, Präsident der Internationalen Beleuchtungskommission CIE und Laborleiter Optik des METAS, dem metrologischen Institut der Schweiz. Wir haben's 'ne gute Sache gefunden, denn die Firma ist ein unabhängiges staatliches Unternehmen, also weder Leuchten- noch Sensorhersteller. Ich hoffe, dass der Industrie diese Unabhängigkeit zugutekommt.

Sensorik- und Leuchtendaten werden auch bei der Planung mit dem Building Information Modeling eingesetzt, dem BIM. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?

Sehr. Das ist immer mehr ein fester Bestandteil der Bauindustrie, und wir sind davon überzeugt. Außerdem glauben wir, dass die Beteiligten an BIM-Projekten mit nativen Daten arbeiten möchten und keine Informationsverluste in Kauf nehmen wollen. Deshalb gibt es von uns ein Add-on für Revit, dem BIM-Werkzeug für die Elektroplanung. Auch die technischen Daten der PIR-Sensorik mit Präsenz- und Bewegungsbereichen kann man damit bereits simulieren. Richtige BIM-Planung ist für mich mehr, als nur ein dummes 3D-Objekt ohne technische Daten in das Gebäude zu ziehen, was im besten Fall noch weiß, wie es heißt und von wem es kommt.

Auch ESYLUX ist »BIM ready«

Das Building Information Modeling kommt bei der Planung großer Projekte immer häufiger zum Einsatz und sorgt gewerkeübergreifend für mehr Transparenz und Effizienz. Mit ReluxCAD für REVIT, dem BIM-Programm für die Elektroplanung, lassen sich auch die Automations- und Lichtlösungen von ESYLUX einfach planen – wie oben der Präsenzmelder PD-C 360i/32. Die passende RFA-Datei steht bei jedem Produkt zum Download bereit.

Wie würden Sie die Vorteile von BIM in einfachen Worten erklären?

Bei BIM arbeiten alle mit dem gleichen Gebäudemodell und können Informationen für ihre eigenen Planungen weiterverwenden. Da ist der Lüftungsmensch, der seine Lüftungsrohre in den Räumen einzeichnet, dann kommt der Elektroplaner, der seine Elektrotrasse an die Decke montiert, ohne den Lüftungsrohren in die Quere zu kommen. Der Elektroplaner berücksichtigt diese Informationen zum Beispiel bei der Planung der Beleuchtung und der Bewegungs- und Präsenzmelder. Das Ziel ist mehr Effizienz, Transparenz und Nachhaltigkeit. Bis es soweit ist, bedarf es aber noch einiger Anstrengungen. Ein kleines, aber wichtiges Puzzleteil sind hier die Produktdaten der Lieferanten.

Wird das BIM die Berufsbilder im Bereich der Gebäudetechnik verändern?

Das macht es schon. Ich habe allergrößten Respekt vor all diesen Planungsbüros, die eigentlich von einem Tag auf den anderen sich daran gewöhnen und einarbeiten mussten. Die sind alle ins kalte Wasser geworfen worden. Plötzlich hieß es: Jetzt musst Du BIM planen. Und die Staaten sind auf den Zug aufgesprungen. Man konnte richtig zusehen, wie von England runter nach Süden immer mehr Staaten angefangen haben, BIM für Bauvorhaben der öffentlichen Hand vorzuschreiben, ohne zu wissen, was genau sie verlangen. Also, es ist eine extrem spannende Zeit, die wir da miterleben dürfen.

»Software wollte ich eigentlich nie machen, das ist einfach so passiert!«

Herr Hegi, Sie waren in jungen Jahren Geschäftsführer eines Unternehmens für Elektroinstallation. Hilft Ihnen das heute bei Ihrer Arbeit?

Das hilft mir enorm. Vor allem weil der Elektroinstallateur ja auch die Anlagen bei kleineren und mittleren Bauten selbst plant und dann umsetzt. Von dieser Erfahrung, wie die Leute arbeiten und planen, profitiere ich noch immer. Es ist eine sehr gute Grundlage und hilft, die Brille der Anwenderseite aufzusetzen. Das ist eine meiner Stärken. Software wollte ich eigentlich nie machen, das ist einfach so passiert! Zum Glück habe ich sehr gute Leute, die das hervorragend können.

Wenn Sie zum Schluss einmal den Blick in die Zukunft wagen. Wie sieht die Lichtplanung in, sagen wir, 20, 30 Jahren aus?

Da werde ich nachdenklich und hoffe, es geschieht zum Nutzen der Menschen. Aber dank Künstlicher Intelligenz und der Vernetzung von Daten und Programmen wird viel mehr automatisiert werden. Treffender als den Begriff der Künstlichen Intelligenz empfinde ich aber eigentlich den Ausdruck Maschinen-Learning. Wenn wir die Maschine und die Software, die diese steuert, so intelligent machen, dass sie gewisse Routinearbeiten besser und effizienter erledigen als der Mensch.

Wo Sie zum Beispiel welchen Präsenzmelder optimalerweise im Raum platzieren, kann die Maschine viel besser als der Mensch, wenn sie weiß, was Sie damit bezwecken. Dann rauscht das Ding automatisch durch das gesamte Gebäude durch und vielleicht 5 Sekunden später sind die alle platziert. Manuelles Copy-and-Paste wird es wohl nicht mehr geben.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.